Montag, 5. September 2011

Oh money, where art thou?
Oder: Der seltsame Fall des Bankauto Mutton.
 
Warnend flackert er mir entgegen. Als wolle er sagen: „Es gibt hier nichts für dich. Ksch, ksch!“ Schweißbäche fließen meine Schläfen hinunter als ich merke: die Geldgebärmaschine hat recht. Dabei ist der Monat gerade einmal ein Dutzend Tage jung. 
Neeiinnn... mein Kontostand ist Benjamin Button! Ihm ist das gelungen, wonach so viele Millionärsgattinnen und Mütter in Midlifecrisis streben – die Verjüngung. Überdies stürzt er rasend schnell dem Punkt seiner Geburt entgegen. Er droht sogar, wieder in der Gebärmutter des Automaten zu verschwinden und es sich als Fötus in den roten Zahlen bequem zu machen.
geldgeburt
  
In meinem Gesicht macht es sich indes eine hohe Anzahl extrem roter Blutkörperchen bequem. Zu allem Überfluss räuspert sich der blonde Lacoste-Lulatsch hinter mir noch lautstark. „Ksch, ksch!“, will er damit sagen. Ich bemerke, wie sich Tommy Hilfiger hier gleich eine ganze Schlange aufmerksam starrender Wartender angeschlossen hat. Was jetzt? So ganz ohne Geldgeburt kann ich den Laden doch nicht verlassen. Mütter gehen schließlich auch nicht aus dem Kreissaal, wenn der Braten noch in der Röhre schmort. Ich hebe fünf Euro ab.
 Mit einem markerschütternden Surren entbinde ich den Schein mit der undefinierbaren Farbe vom Automaten. Möglichst erhobenen Hauptes stolziere ich an Tommy vorbei. Na und? Dafür seh’ ich wenigstens nicht aus, wie Heidi Klums next Kotkreation. So what wenn der ATM bei ihm gebärfreudiger ist...  ICH werde NICHT die Hauptrolle spielen, wenn Klum irgendwann ihre Fotostrecke „Scheißilicious“ veröffentlicht! So.
Vor der monetären Entbindungsstation angekommen, habe ich meinen Neid auf die Klumkacke fast vergessen und mache mich auf in Richtung Heimathafen. Dort gebe ich mein Geld wenigstens nicht gleich wieder zur Adoption frei. Zuhause sinniere ich erst eine Zeit lang über die Farbe dieser armseligen Ausbeute nach. Hmmm babyblau? Giftgrün? Irgend’ne Türkisvariation? Dann nehme ich meinen offensichtlich schwarzen Stift und schreibe die Ausgaben der letzten Tage auf. Das bringt meine Babys zwar auch nicht zurück, aber es beruhigt.
oh Monet - wo bist du?
 Da war der Springbock, den ich unbedingt im afrikanischen Restaurant um die Ecke (Zazou oder zo) probieren musste. Ich wollte schon immer Springbock essen. Dann der spontane Trip nach Wien letztes Wochenende. Mir war langweilig und ich wollte schon immer nach Wien – allein um zu gucken, ob die Schnitzel da besser schmecken. [Randnotiz: a) nein b) ich sollte weniger Fleisch essen, bin schließlich Vegetarierin]. Ach ja und da habe ich mir dann noch ein paar Kleider von Acne zugelegt. Die wollte ich zwar nicht schon immer. Aber mir war es so unbegreiflich, dass ein Modelabel sich nach einer Hautkrankheit benennt, dass ich ein paar Teile davon haben MUSSTE.  Und... okay mir dämmert langsam, warum meine finanzielle Fruchtblase so schnell geplatzt ist.

Ich sehe mich schon Springbockreste vertilgend in meinem Eigenheim aus Kartons sitzen, als meine Mutter anruft. Wie es mir denn ginge. Abgesehen davon, dass ihre Tochter bald als Penner Playstations verscheuern wird... gut. Ich spinne meine Heimatlosen-Gruselgeschichte weiter, während meine Mutter mir irgendwelche verkorksten Storys von Verwandten erzählt, die bald sowieso nichts mehr mit mir zu tun haben wollen.
another day in paradise
„It’s just another day... for you and me... in pääähääärädais“ Heidi Klums blonde Flutschgeburt wird an mir vorbeilaufen und mich nicht mal eines Blickes würdigen. Ich werde ihm seine Hollister Halbschuhe küssen müssen.  „... Papa hat dir noch Geld überwiesen, Schatz.“ Pappdach und Phil Collins verschwinden wie auf Kommando. Ich sitze wieder auf meinem Fendihocker vor meinem Macbook Air und drücke mein Ohr näher an mein iPhone 4 (das weiße!). „Hallo?“, macht meine Mutter verwundert. Ich höre ihr [jetzt wieder] zu, es habe nur ein Problem mit der Empfängnis... äähh dem Empfang gegeben, beruhige ich sie. 
Die Rettung! Der mütterliche Messias hat mich erlöst. Mein Kontostand ist kein Brad Pitton! Er darf altern wie jeder andere auch. Ich beschließe, die Taufe sofort zu begehen. Diniert wird im Zazou. Ich feiere meine Wiedergeburt in den Kapitalismus mit einem zünftigen Krokodil-Steak. Das wollte ich schon immer mal probieren.    
true story
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